Kunst, Eigenarbeiten und Reflektionen
Die Kunst ist ein inspirierender Teilaspekt meines Lebens. Insbesondere liebe ich die
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Schöngeistige Texte
„Laternen am Vormittag“: Philosophische Erkundungen zu Nietzsches Vision vom „Tollen Menschen"
Bekanntlich – so die Anekdote – habe Diogenes, der Randständige unter den Philosophen, – so sein Selbstreferenzielles – den Menschen, den wahren Menschen, den Ecce homo gesucht. Vor seinem prüfenden Blick und dem Schein seiner Laterne sollte das Antlitz des wahren Menschen aufleuchten. Die Anekdote weiß zu berichten, wie er auf dem Markt mit seiner Laterne umhergegangen und den Dortigen ins Gesicht geleuchtet haben soll. Der inhärente philosophische Diskurs dieser Anekdote und Nietzsches Rekurs ist ostentativ: Es ist die anthropologische Frage nach dem wahren Menschen, genauer hin nach dem richtigen Menschsein. Ausgeklammert scheint mir indessen die Ethik, die Moral, die Tugend.
Es ist – so die Anekdote – heller Vormittag, und das scheint nicht unbedeutend: eine Tageszeit nämlich, in der die Menschen ohnehin versuchen, sich gesellschaftskonform zu verhalten und weit davon entfernt sind, ihr Inneres nach außen zu kehren. Was Diogenes wissen will, ist nicht ihr Handeln am Vormittag auf dem Markt in aller Öffentlichkeit, sondern ihr Sein, ihr Menschsein an sich.
Nietzsche hat dieses Bild in seiner düsteren Vision vom „Tollen Menschen“ in exaltierter Weise rezipiert und in erweiterten Variationen repliziert. Er lässt seinen Protagonisten, den aus der Zeit entrückten bzw. in die Zeit gedrückten, toll und wütend gewordenen Menschen am hellen Vormittag auf dem Markt seine Laterne anzünden, um schreiend Gott zu suchen. Der analoge Laternen-Kontext führt zu nachdenklichen Beobachtungen und Reinterpretationen. Die Nietzsche-Forschung hat diesem Laternen-Motiv bislang wenig Beachtung geschenkt und meinte, mit der kurzen Erwähnung der Diogenes-Anekdote bereits Wesentliches gesagt zu haben. Mir erscheint der dreimalige Rekurs Nietzsches auf Diogenes’ Laternenmetapher bedeutsam und hat mich zu folgenden Überlegungen geführt.
Der erste Rekurs steckt Zeit und Raum ab. Nietzsche lässt seinen Protagonisten am hellen Vormittag auf dem Markt seine Laterne entzünden. Schon ist es taghell, und der Schein der Laterne wirkt absurd. Das Performative und zugleich Prophetische dieser Einführung weist über Diogenes und dessen präjudizierende Menschensuche hinaus. Nietzsches „toller Mensch“ steht für mehr als den menschenentlarvenden Philosophen der Antike; er performt im Gestus eines Ezechiel: zeichenhaft deutet er Unheil an.
Der zweite Rekurs liegt inmitten der metaphorischen Visionen vom Tode Gottes, von der Entledigung des Metaphysischen, von der schlechthinnigen Preisgabe ethischer und sittlicher Orientierungshorizonte. Inmitten der nihilistischen Bilder vom unendlichen Nichts, vom Vanitas-Hauch des Kohelet im leeren Raum bis zur „immerforten Nacht“ könnte der Schein der Laterne als empyreisches Substitut zur losgeketteten Sonne als fragiler Orientierungspunkt dienen. Das Entzünden der Laterne ist indes obsolet, da sie ohnehin nicht vermag, die nihilistische Dunkelheit zu durchdringen. Demgegenüber machen die Laternen-Erwähnungen deutlich, dass es noch Vormittag ist: Noch könnte es an der Zeit sein, Laternen anzuzünden – noch ist die Sonne nicht von der Erde losgekettet, noch ist es nicht nihilistische Nacht.
Der dritte Rekurs erweitert die Diogenes-Anekdote auf die Figur des Moses, der voller Zorn über das toll gewordene Volk die Gesetzestafeln zerschmettert: „Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch“ – so Nietzsche. Mit dem Zerschmeißen der Laterne und ihrem Erlöschen schließt Nietzsches Vision vielsagend ab. Da auf dem Markt kein Mensch gefunden ist, der dem Ausspruch und Anspruch Ecce homo genügt, ist die Menschheit der nihilistischen Belanglosigkeit preisgegeben – der belanglosen Geschäftigkeit des Marktes und dem Amüsement jener, die beieinanderstanden und beim Anblick des Laternentragenden in großes Gelächter gerieten.